Kanonenstellungen auf dem Monte Orsa

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Der Monte Orsa bei Viggiù ist einer der am besten befestigten und damit interessantesten Punkte der Linea Cadorna (siehe Text über den Monte Grumello). Viggiù lässt sich leicht von Mendrisio oder Porto Ceresio aus erreichen. Unentbehrlich ist die Karte 1:25’000, Nummer 1373 Mendrisio der Schweizerischen Landestopographie. Das Auto kann auf dem grossen Parkplatz am Südrand des Ortes parkiert werden; ebenso gut ist jedoch möglich, auf der geteerten Fahrstrasse bis zu Sant Elia hochzufahren, wo sich ebenfalls Parkmöglichkeiten finden. Die Zufahrt auf den Monte Orsa ist seit kurzem mit einem Fahrverbot belegt.

Man steigt bis zur grossen Kurve bei Quote 861 hoch. Von hier könnte man leicht nach Süden absteigen und würde sofort die über 1 km langen Schützengräben erreichen, die sich um den Berg herum nach Nordosten winden. Hier gibt es mehrere MG-Stellungen, die alle gegen Süden oder gegen Osten, also gegen die Po-Ebene, zeigen. Das erstaunt und verwirrt, wurde doch ein Angriff von Norden erwartet. Offenbar scheint die Angst vor diesem deutschen Angriff durch die Schweiz so gross gewesen zu sein, dass die Militärführung sogar mit einer Umgehung des Monte Orsa gerechnet hat. Noch naheliegender aber ist für diese groteskerweise nach Süden hin gerichteten Stellungen die Erklärung, dass sich das verantwortliche Kommando in eine Art Festungsrausch hineingesteigert hat: je mehr, desto besser. Leider ist dieser Teil der Befestigungen aber stark verschüttet und voll Dornen, Gestrüpp und Ästen. Deshalb empfehlen wir, den Parkplatz bei 861 als Ausgangspunkt zu nehmen und zu Fuss über die Fahrstrasse Richtung Monte Orsa hochzugehen.

Kurz nach der Quote 861 kommt man nämlich zum sorgfältig gemauerten Eingang der unteren Kaverne. Wie die obere hat auch sie zwei Eingänge, von dem hier sechs kurze, aber 3 m breite Stollen zu den eigentlichen Geschützstellungen abzweigen. Diese sind mit 70° nach NE gerichtet, der Beschuss hätte also der Seestrasse Lugano-Melide-Bissone gegolten. Allerdings sind hier nie Geschütze fest installiert worden, vielmehr hätte man im Kriegsfall die mobilen Kanonen Schneider 149 von andern Fronten abgezogen und hier aufgestellt. Interessant ist der Unterschied zwischen französischen und italienischen Festungsbauten: Bei den französischen Festungen, wie übrigens auch bei den schweizerischen, sind die Geschütze fest installiert, was die Beweglichkeit der Verteidigung massiv einschränkt; bei den italienischen Festungen bereitet man nur die Stellungen für mobile Geschütze vor, was die Beweglichkeit der Verteidigung erhöht.

Auf der Fahrstrasse steigt man weiter Richtung Sendemast hoch und biegt dort, wo ein Wegweiser Richtung Naturfreundehaus zeigt, nach rechts ab. Bei der Weggabelung mit kleinem Parkplatz wendet man sich nach links Richtung Westen und kommt nach 200 Metern zum Eingang der oberen Kaverne. Diese obere, grössere Kaverne ist wesentlich interessanter als die untere; sie umfasst ebenfalls sechs unterirdische Kanonen-stellungen, ist aber bedeutend sorgfältiger ausgebaut. Neben einer Munitionskammer und einer Trennwand, in der eingelassene Röhren den Geschossdruck mindern sollen, sieht man auch eine Artillerie-Promille-Skala im Boden eingelassen, die dem Richten der Geschosse diente. Auffällig ist hier die Ausrichtung der Kanonen: Sie schauen Richtung Brusimpiano - Luino, hätten also im Ernstfall italienisches Gebiet beschossen. 

Wer die obere Kaverne durch den zweiten Ausgang verlässt, kann Richtung Sendemast weitergehen. 20 Meter nordöstlich des Sendemastes befindet sich links von der Strasse ein Einstieg, der zu einem unter-irdischen Beobachtungsposten mit fünf Ausgucken führt.

Wir aber kehren um und verlassen die Kaverne durch den gleichen Eingang, durch den wir sie betreten haben. Wir setzen unsern Weg Richtung Nordosten, Richtung Poncione d’Arzo fort. Hier handelt es sich um den vielfältigsten Teil der Wanderung: Es folgen sich eine Reihe von 20 nummerierten Stellungen, bald einfache Ausgucke, bald eigentliche MG-Stellungen. Der ganze Grat ist versehen mit kleinen Kavernen, mannshohen Schutzmauern, Schützengräben, die alle Richtung Brusimpiano - Ponte Tresa - Luino ausgerichtet sind.

Auf dem Gipfel des Poncione d’Arzo bietet sich dem Wanderer eine grossartige Aus-sicht über den Luganersee bis weit zu den Berner, Bündner und Walliser Alpen. Der Abstieg kann auf dem gleichen Weg erfolgen oder Richtung NW, wo zwei parallele Zickzack-Wege, einer auf italienischem, der andere auf schweizerischem Gebiet, zur sog. Mulattiera führen, die nach Viggiù zurückführen. Wer die Fahrstrasse nach Osten wählt, kommt zur Hütte der Naturfreunde, wo er weitere Schützengräben und eine kleine Kaverne antreffen wird.

Nach der Rückfahrt nach Viggiù empfiehlt sich ein Abstecher zu den unterirdischen Steinbrüchen von Viggiù. Man wählt die Via di Vico und die Via Carra nördlich der Kirche des Ortes, steigt nach Westen hinunter und kommt zu einer kleinen Wegkapelle. Man folgt dem geteerten Strässchen abwärts und kommt zum Eingang des schönsten Steinbruchs von Viggiù. des schönsten und beeindruckendsten. Vom 14. Jahrhundert bis 1960 ist hier ein hochwertiger Sandstein abgebaut worden, der dem Marmor sehr nahe kommt. Der Stein wurde in zahlreichen Handwerksbetrieben von Viggiù verarbeitet, was dem Ort zu Ansehen und Reichtum verhalf. Insgesamt gibt es sechs Steinbrüche. Beim Bau der Linea Cadorna hat man ganz selbstverständlich auf diese erfahrenen Spezialisten zurückgegriffen. Aus ihrem Kreis ist denn auch ein in Norditalien sehr bekannter Bildhauer hervorgegangen, Enrico Butti; die Gipsentwürfe seiner Grabskulpturen und seiner Denkmäler sind in der Gipsotheca Butti in Viggiù ausgestellt.

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